Meine Freundin nimmt Brotbacken extrem ernst. Ihr ganzer Stolz ist ein Roggensauerteig namens „Bodo“, den sie angeblich seit vier Jahren am Leben hält und pflegt wie ein Haustier. Vor knapp anderthalb Jahren war sie für zehn Tage auf einer Exkursion. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel mit genauen Uhrzeiten zum Füttern. Ich habe es am zweiten Tag schlichtweg vergessen, das Glas stand in der prallen Sommersonne auf der Fensterbank und am vierten Tag war oben drauf pelziger Schimmel. Ich habe Panik bekommen, weil sie vor der Abfahrt noch meinte, wenn Bodo stirbt, stirbt ein Teil ihrer Seele. Bin dann morgens mit hochrotem Kopf zur kleinen Handwerksbäckerei zwei Strassen weiter gelaufen. Der Geselle hat sich kaputtgelacht, mir für zwei Euro in die Kaffeekasse ein Klumpen frischen Anstellgut in einen Pappbecher gedrückt und gesagt: „Sag ihr einfach nix, schmeckt eh fast gleich.“ Ich habe das Glas ausgekocht, den neuen Teig reingeklatscht und so getan als wäre nie was gewesen. Das Problem: Seitdem verschenkt sie ständig Ableger im Freundeskreis und schwärmt allen vor, wie besonders die Mikroflora von ihrem Bodo ist und warum das Brot deshalb so eine milde Säure hat. Jedes Mal wenn Bekannte beim Abendessen sitzen und die Kruste loben, rutscht mir das Herz in die Hose. Ich nehme das mit ins Grab.   submitted by   /u/Dwight_4   to   r/Beichtstuhl [link]   [comments]