Lange galt im Sport die Regel: Entweder einer ist stark im Kopf oder er ist es nicht. Philipp Kroiss hält das für Blödsinn. Der 38-jährige Oberösterreicher ist das beste Gegenbeispiel und heute selbst diplomierter Mentaltrainer. Mit 17 drückte ihm noch ein Trainer sein erstes Buch über Mentaltraining in die Hand. Jetzt hat er selbst eines geschrieben.KURIER: Wie sind Sie Mentaltrainer geworden?Philipp Kroiss: Ich war als Volleyballer mit 15 Jahren in der Bundesliga, war sehr talentiert, habe aber den Ruf gehabt, für eine große Karriere mental zu schwach zu sein.Und, waren Sie es?Wenn es ums Eingemachte gegangen ist, haben die Dinge nicht funktioniert. Ich war in wichtigen Spielen schlecht und habe keine Mittel gefunden, mich zu fangen, wenn ich schlecht in ein Spiel gestartet bin. Ich war sehr sensibel und habe oft zum Weinen begonnen, wenn ich nicht gut war. Ich war so krankhaft ehrgeizig, dass ich es überhaupt nicht gepackt habe, wenn es einmal nicht läuft. Mein ganzer Selbstwert, meine ganze Identität hing davon ab, wie gut ich als Volleyballer war.Wie hat Ihr Umfeld reagiert?Ins Gesicht sagt dir das kaum jemand. Man hört über Umwege: „Der Philipp ist zu weich, der Philipp schafft es nicht.“ Wenn der Profisport von klein auf dein Traum ist, dann ist das das Schlimmste, was du hören kannst. Als wir auf einem Trainingslager auf ein Flipchart schreiben sollten, was wir uns von den Mitspielern erwarten, hat ein Kollege geschrieben: „Ich wünsche mir von Philipp, dass er nicht immer weint, wenn es schwierig wird.“Vor der ganzen Mannschaft?Und vor den Trainern. Ich habe ihn verflucht. Dieses Bild habe ich meine Karriere lang im Kopf behalten. Mit dem Gedanken: Jetzt zeig’ ich allen, dass ich es doch kann. Das war mein größter Kampf und zugleich mein größter Antreiber.Und wie haben Sie die Kurve gekriegt?Einen großen Sprung habe ich gemacht, als mir ein Trainer ein Buch über Mentaltraining in die Hand gedrückt hat. Da war ich 17 und es war Wahnsinn für mich, dass ich zehn Jahre Volleyball spiele auf gutem Niveau und es noch nie um die mentale Komponente gegangen ist. Da hat man früher immer nur in Kasteln gedacht.Was heißt denn das?Da heißt es: Entweder man ist stark im Kopf oder man ist es nicht, und wenn man es nicht ist, kann man es nicht lernen. Was für ein Blödsinn. Das Thema hat mich meine gesamte Karriere begleitet. Dann habe ich mit 32 Jahren, noch während meiner Karriere, die Ausbildung zum diplomierten Mentaltrainer gemacht und noch während meiner letzten Saison mit Sportlern gearbeitet, denen der eigene Kopf im Weg steht.Was möchten Sie vermitteln?Dass junge Sportler täglich an sich arbeiten, weil sie den Sport und die Herausforderung lieben und davon wegkommen, dass die Leistung ihre Glückseligkeit als Mensch beeinflusst. Denn das ist total ungesund.Wie lange war es ungesund für Sie?Mit 29 habe ich mir gesagt: Du Trottel, du spielst seit 20 Jahren Volleyball, du bist seit zehn Jahren Profi, du hast schon 100 Mal im Nationalteam gespielt. Was ist mit dir, dass du dich vor jedem Spiel so anscheißt? Damit bin ich dann auch zu meinem Mentaltrainer gegangen.Wie hat er Ihnen geholfen?Er hat gesagt: „Philipp, akzeptier diese Angst und schieb sie nicht weg. Und rede mit ihr. Sag: ‚Es ist cool, dass du jetzt da bist, dass du mich ein bisschen aufweckst vor dem Spiel, dass du mir Adrenalin bringst, aber du darfst jetzt langsam wieder gehen‘.“ Da hat sich viel entwickelt und von 29 bis 33 hatte ich dann auch die beste Zeit meiner Karriere.Was sollen junge Sportler tun, wenn sie das Gefühl haben, in Drucksituationen keine Leistung zu bringen?Zunächst ist es wichtig, dass sie wissen, dass sie nicht alleine sind und dass es Möglichkeiten gibt, diese Dinge anzugehen. Ein Punkt ist, mehr Balance in einer Sportlerkarriere zu schaffen, zu wissen, dass es noch andere Dinge gibt, vielseitiger werden im Leben und nicht alles auf den Sport ausrichten.Welche Rolle spielen Eltern?Eltern, die immer dabei sind und immer ihren Senf dazugeben, können ein extremer Druckfaktor werden. Umgekehrt denke ich, dass vielen Eltern bewusst ist, wie schmal der Grat ist zwischen Leidenschaft und Dingen, die Druck und Leid ausüben können, aber ihnen teilweise die Hände gebunden sind.Warum denn?Ich habe mit Jugendlichen zu tun, wo die Eltern sich super auskennen in dem Bereich und sehen, dass das Kind strauchelt, helfen wollen, aber keinen Zugriff haben, weil die Kinder etwa aus Gründen der Pubertät gerade nicht auf die Eltern hören. Ich erzähle dann vielleicht genau das Gleiche wie der Papa, aber bei mir kommt es an, weil ich der Mentaltrainer bin mit Profikarriere.Welche Unterschiede gibt es aus mentaler Sicht in den verschiedenen Sportarten?Beeindruckend finde ich, was Tennisspieler leisten, allein durch die ständigen Reisen, das K.-o.-System. Auch das Alleinsein fasziniert mich. Ich bin übrigens nicht d’accord, wenn es heißt: ‚Im Tennis kann dir keiner helfen, im Mannschaftssport schon.‘Warum nicht?Im Teamsport kann es passieren, dass du schlecht spielst, ausgewechselt wirst und deinen Platz über Monate verlierst, während du im Tennis ein bis zwei Sätze schlecht spielen und dich immer noch rausholen und gewinnen kannst. Im Endeffekt geht es in den meisten Sportarten aber um ähnliche Dinge.Oft hört man, der Sportler sei in einem „Loch“ gewesen. Was ist denn das?Wenn man in einem Loch ist, ist man meistens mit den Gedanken entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft: Der Athlet denkt: Verdammt, ich habe zwei große Schnitzer gemacht. Oder er denkt: Was, wenn mir jetzt noch ein Fehler passiert? Für gute Leistungen muss die Wahrnehmung komplett auf den Moment ausgerichtet sein. Daher sucht man Techniken, wie man wieder zurückkommt in den Moment.Welche gibt es da?Ein starkes Tool ist die Atmung. Richtig atmen, durch die Nase in den Bauch, das Ausatmen verlängern. Damit aktiviert man den Parasympathikus, auch als „Ruhenerv“ bekannt. Oder du schaust vor dem Ballwechsel auf die andere Seite, suchst dir einen Gegenspieler, schaust auf seinen Schuh und beschreibst den Schuh. „Der Schuh ist rot, der Schuh hat schwarze Schuhbänder, der Schuh ist wahrscheinlich Größe 44.“Klingt nach Ablenkung.Es klingt total dumm, aber das bringt dich zurück in den Moment und du bist weg vom Gedanken: „Verdammt, ich habe gerade zwei Fehler gemacht.“ Ein Mittel ist auch die Körpersprache. Wenn man nicht gut ist, wenn man traurig ist, dann geht der Körper zu. Aber wenn du dich aufrichtest, wenn du zu grinsen probierst, auch wenn es gerade schlecht läuft, dann glaubt das Gehirn, es geht dir gut. Es werden die gleichen Botenstoffe ausgeschüttet. Dann ist wieder alles leichter, du bist weniger verkrampft. Es ist alles individuell und es gilt immer herauszufinden, was bei welchem Sportler funktioniert.