„Dann hilft auch das viele Gelddrucken nichts mehr, dann kollabiert der Iran“

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Vor rund acht Monaten starteten die Angriffe der USA und Israels auf den Iran. Schon zuvor litt das Land aufgrund der Sanktionen des Westens unter einer schweren Wirtschaftskrise. Der Krieg hat die Situation noch einmal verschärft. Weil die Landeswährung Rial (im Alltag: Toman) massiv verfällt, haben sich auch die Importe stark verteuert, was die hohe Inflation weiter anheizt. Das macht ein Auskommen mit den Löhnen, ein Überleben im Alltag immer schwieriger, schildert der Wirtschaftswissenschafter Mahdi Ghodsi, dessen Eltern und Schwester im Iran leben.KURIER: Vor bald einem Jahr gab es die blutig niedergeschlagenen Massenproteste im Iran und nur kurze Zeit später begann Ende Februar auch schon der Krieg mit den USA und Israel. Wie sehr stecken diese Ereignisse den Menschen im Iran noch in den Knochen?Mahdi Ghodsi: Sehr, und zwar auf verschiedene Art und Weise. Da ist die Repression durch das Regime. Es werden täglich Menschen hingerichtet. Iran ist ein extrem repressiver Staat geworden, in dem es schon mehr Hinrichtungen als in China gibt. Dazu kommt eine katastrophale ökonomische Situation, die Hyperinflation, unter der die Menschen wirklich leiden. Ich erinnere mich noch: Als ich im Jahr 2009 nach Europa kam, war ein Euro rund 1.000 Toman wert, aktuell reden wir von 310.000 Toman. Allein seit vergangenem Jahr haben sich die Lebensmittelpreise mehr als verdoppelt.Erwarten Sie in absehbarer Zeit neue Proteste aufgrund der massiven Wirtschaftskrise oder sind dafür die Kontrollen der Behörden, die Internet-Zensur, die Unterdrückung jeglicher Opposition einfach zu stark?Es kann alles passieren. In der iranischen Gesellschaft kocht es. Es brodelt wie in einem Kochtopf, links und rechts spritzt Wasser heraus, aber noch hält das Regime den Deckel drauf. Sie lassen wie über ein Ventil immer ein wenig Dampf ab, damit der Druck im Topf nicht zu groß wird. Beispielsweise werden die Spritpreise massiv gestützt. Oder das Tragen des Hijabs wird von der Polizei nicht mehr kontrolliert, obwohl es ja noch immer Gesetz ist. Frauen können sich jetzt freier bewegen.Angesichts der extrem hohen Inflation, wie schlimm ist die Mangelversorgung mittlerweile?Die Menschen spüren keinen Mangel an Waren, was fehlt, ist die Kaufkraft. Wo es tatsächlich einen gewaltigen Mangel an Gütern gibt, ist in der Industrie aufgrund der Sanktionen gegen den Iran. Nicht vergessen darf man auch, rund ein Fünftel der Energieproduktion ist außer Betrieb. Wegen der Bombardierungen, aber auch wegen fehlender Investitionen in den vergangenen 15 Jahren.Was ist das größte wirtschaftliche Problem für das Regime in Teheran?Das größte Problem ist, dass sie keine Deviseneinnahmen mehr haben und Geld drucken müssen. Denn der Ölexport nach China, wohin bisher der Großteil des iranischen Öls ging, ist aufgrund der US-Blockade der Häfen fast vollständig zum Erliegen gekommen. Das gilt übrigens auch umgekehrt für den Import vieler Waren, die vor der Blockade zu 80 Prozent über den Seeweg gekommen sind. Teilweise kommen die Waren jetzt über den Landweg aus der Türkei, aus Zentralasien oder aus Pakistan.Die Hyperinflation frisst die Ersparnisse und letzten Reserven der Menschen auf. Was sind typische Überlebensstrategien im Iran?Die Menschen müssen zwei oder sogar drei Jobs machen, um irgendwie durchzukommen. Viele können sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten, leben bei den Eltern oder teilen sich die Wohnung mit anderen Familien. Und alle sparen drastisch beim Einkaufen, zum Beispiel beim Fleisch. Die Ladenbesitzer geben den Menschen Kredite oder bieten Ratenzahlung an. Das können die Menschen oft nicht abzahlen, was die Händler in Bedrängnis bringt und so dreht sich die Spirale immer weiter.Wie hoch sind die Löhne im Land? Was können sich die Menschen davon überhaupt noch leisten?Die Durchschnittslöhne liegen so zwischen 150 und 250 Euro im Monat, je nach Sektor. Im März, zu Beginn des Jahres nach dem persischen Kalender, hat die Regierung die Mindestlöhne um 60 Prozent angehoben. Da reden wir jetzt von ungefähr 50 Euro. Bei einer Einwohnerzahl von 95 Millionen arbeiten aber nur rund 25 Millionen offiziell und bekommen diesen Mindestlohn oder mehr. Der Rest muss mit weniger als 50 Euro im Monat auskommen. Das ist wirklich kaum vorstellbar, weil teilweise sind die Preise so hoch wie in Österreich, etwa für Fleisch, obwohl die Einkommen weniger als zehn Prozent des österreichischen Niveaus ausmachen. Da wird vieles zum unerschwinglichen Luxusgut.Wie ist das in Ihrer Familie?Mein Bruder lebt in Mailand. Aber meine Eltern und meine Schwester sind im Iran. Meine Eltern kommen mit ihrer Pension von jeweils rund 100 Euro über die Runden. Sie haben ein Haus und müssen keine Miete zahlen. Meine Schwester lebt in einer anderen Stadt. Sie arbeitet dort nicht offiziell und bekommt nur rund 20 Euro im Monat. Ihr schicke ich jeden Monat Geld, sonst geht sich das nicht aus.Gibt es angesichts der tristen Verhältnisse keine größere Fluchtbewegung raus aus dem Iran?Die Menschen ziehen von der Stadt aufs Land, wo es wesentlich billiger ist und versuchen es von dort mit Teleworking. Aus dem Iran hinaus zu kommen ist möglich, wird aber schwieriger. Mehr und mehr Grenzen werden geschlossen, weil Irans Nachbarländer offenbar eine große Flüchtlingswelle fürchten, sollte das Land kollabieren. Außerdem werden dauernd Flüge gestrichen. Es gibt ja keine internationalen Fluglinien mehr, die im Iran operieren. Es gibt nur noch Inlandsflüge oder iranische Airlines, die etwa in die Türkei oder nach China fliegen.Was erwarten Sie, wenn es zu einer neuerlichen Eskalation mit den USA nach den Kongress-Zwischenwahlen am 3. November kommt? Hat das Regime in Teheran überhaupt noch die Kraft zurückzuschlagen?Ich sehe das so: Wenn der Krieg weitergeht und die Inflation über einen bestimmten Zeitraum von sagen wir einem Jahr 800, 900 Prozent erreicht, hilft auch das viele Gelddrucken in Teheran nichts mehr. Dann haben es Regierung und Zentralbank schlicht nicht mehr in der Hand, dann kollabiert das Land wirtschaftlich. Die USA wollen meiner Einschätzung nach vor allem das angereicherte Uran herausholen, denn angesichts der US-Angriffe sprechen sich sogar liberale Reformer im Iran für den Bau von Nuklearwaffen aus.