KURIER: Wie oft haben Sie sich in den vergangenen eineinhalb Jahren gefragt, ob Sie verrückt gewesen sein müssen, als Sie den Job des Kanzlers und ÖVP-Parteichefs angenommen haben?Christian Stocker:Meine Frau hat sich das sicher öfter gedacht als ich. Es braucht schon ein bisschen Mut, eine Aufgabe mit so großer Verantwortung zu übernehmen.Als ÖVP-Generalsekretär waren Sie wenigstens kein politisches Greenhorn mehr.Manches habe ich erwartet, vieles war neu, und das internationale Parkett kam dazu. Es gab schon steile Lernkurven in dieser Zeit.Nie bereut?Unterm Strich nicht. Wer nicht gestalten will, sollte nicht in die Politik gehen.Die Bürger warten auf eine positive Aufbruchserzählung. Ist das unmöglich?Unmöglich ist es nicht, aber alles andere als leicht. Weil wir in einer Zeit leben, in der wir uns von bequemen Unwahrheiten verabschieden müssen. Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität. Die Stimmung ist durch Krisen getrübt. Das ist aber dennoch kein Grund für mich, in Pessimismus zu verfallen. Es ist mir ein Herzensanliegen, Politik für die nächste Generation zu machen – nicht für die nächste Umfrage ...... die schlecht ist.Das ist derzeit überall so: Regierungsparteien – egal welcher politischen Richtung – haben Schwierigkeiten, Vertrauen zu behalten.Was dann zu Sozialpopulismus in allen Parteien führt – auch in eigentlich wirtschaftsfreundlichen wie der ÖVP. Mutigere Reformen traut sich niemand.Es reicht nicht, wenn sich der Regierungschef etwas traut. Ich brauche Einstimmigkeit in der Dreierkoalition – und es reden ja auch noch neun Bundesländer plus Institutionen wie die Sozialversicherungen mit. Es ist uns aber bereits viel gelungen: Die Reform der Sozialhilfe zum Beispiel ist das Gegenteil von Sozialpopulismus. Da gibt es einen echten Paradigmenwechsel: Arbeitsfähige müssen arbeiten, sonst wird ihnen die Unterstützung drastisch gekürzt. Also Werkbank statt Parkbank. Und Integration wird ab dem ersten Tag zur Pflicht! Wer jedoch tatsächlich Hilfe braucht, wird sie weiter erhalten.Sie treten mit Ihren Koalitionspartnern bei Presse-Statements jeweils partnerschaftlich in Dreiergruppen auf. Verspielen Sie damit nicht den Kanzlerbonus? Markus Marterbauer erklärt hingegen selbstbewusst überall, für Vermögens- und Erbschaftssteuer zu sein.Es gibt etliche Formate, in denen ich auch ganz allein zu Wort komme: jetzt gerade zum Beispiel. Zu dritt auftreten heißt ja auch zu zeigen, dass ich die Koalition führe und unterschiedliche Parteien zusammenhalte. Das neue „Zukunftsdepot“ (steuerlich begünstigtes Wertpapierdepot für Kinder und Jugendliche mit einem Startbonus von 500 Euro, Anm.) habe ich im Übrigen alleine angesagt. Ich halte das für einen ganz wichtigen Schritt, damit sich junge Menschen aus eigener Kraft wieder etwas aufbauen können und das Aufstiegsversprechen eingelöst wird. Neue Vermögens- und Erbschaftssteuern gibt es sicher nicht, solange ich Verantwortung trage.Die ÖVP wäre für die Herabsetzung der Strafmündigkeit auf zwölf Jahre und für die Verlängerung des Zivildienstes, damit der verlängerte Wehrdienst nicht unattraktiver wird – bei Ersterem sagen die Sozialdemokraten nein, beim Zweiten die Neos.Wir sind drei unterschiedliche Parteien. Bei der Wehrdienstreform liegt es auch in der Verantwortung der Oppositionsparteien, eine Lösung zu ermöglichen.Die FPÖ ist da nicht sehr konstruktiv unterwegs.Bei welchem Thema ist das anders?Sie brauchen aber die FPÖ für die Verfassungsmehrheit bei der Wehrdienstreform. Wieso treffen Sie sich nicht mit Herbert Kickl?Ich habe in der Bundesregierung eine Einigung herbeigeführt – auch wenn ich sie in Teilen gerne anders und schneller gehabt hätte. Es ist nun Aufgabe des Parlaments, eine Mehrheit zu finden.Sollte man der FPÖ nicht irgendwann die Möglichkeit geben, zu zeigen, was sie kann – eventuell sogar in einer Minderheitsregierung?Minderheitsregierungen sehe ich gerade in schwierigen Zeiten sehr kritisch. Herbert Kickl hätte nach der letzten Nationalratswahl regieren können, wollte aber nicht. Er hat entschieden, keine Verantwortung zu übernehmen und lieber in der Opposition zu sein – das kann er offensichtlich auch besser. Ich bemerke bei der FPÖ nur eine Lust am Zerschlagen und eine Nähe zur Autokratie. Wir müssen nur über den großen Teich schauen, um zu bemerken, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn man nur polarisiert und Gruppen gegeneinander ausspielt. Das ist kein Erfolgskonzept für ein Land.Sie hatten vor genau einem Jahr eine Rückenoperation. Und nun ist gerade Markus Marterbauer in der letzten Phase seiner Chemotherapie. Wie wenig Schonfrist haben kranke Spitzenpolitiker eigentlich?Die beiden Erkrankungen sind natürlich nicht vergleichbar. Markus Marterbauer hat eine viel schwierigere Genesungsphase. Dafür wünsche ich ihm das Allerbeste. Ich habe persönlich erlebt, dass die Toleranz gegenüber erkrankten Politikern sehr gering ist. Während meiner physischen Abwesenheit habe ich lesen müssen, dass ich wahrscheinlich nie wieder zurückkommen werde oder dass ich im Rollstuhl sitze. Dabei durfte ich nach der OP einfach nur nicht lange sitzen oder stehen – so, wie ich es auch angekündigt hatte. Daher habe ich für einige Tage von zuhause virtuell an den Sitzungen teilgenommen. Trotzdem ist schon nach einer Woche die Gerüchteküche hochgekocht.Markus Marterbauer wirkt erstaunlicherweise, als wäre er nie wirklich weg.Seine Disziplin ist bewundernswert.Wird, falls er den Vizekanzler übernimmt, dann die Regierungsarbeit härter?Ich gehe davon aus, dass sein pragmatischer Zugang erhalten bleibt.Das Profil der ÖVP ist sehr verwaschen – wofür steht sie eigentlich noch, außer für Bauern-Lobbyismus?Schauen Sie sich an, was alles weitergegangen ist: Wir haben zwei Doppelbudgets beschlossen, die Pensionen unter der Inflationsrate angepasst, den Beamtenabschluss aufgemacht. Wir senken die Lohnnebenkosten, führen den Industriestrom ein (Entlastung energieintensiver Betriebe) und ab 1. Jänner die Aktivpension (bis zu 15.000 Euro an zusätzlichem Erwerbseinkommen pro Jahr für Personen im Regelpensionsalter bleiben steuerfrei). Wir haben den Familiennachzug gestoppt, die Asylantragszahlen sind auf einem so niedrigen Niveau wie seit Jahren nicht mehr. Wir haben das Kopftuchverbot eingeführt und die Sozialhilfe reformiert. Das sind doch klassische ÖVP-Themen!Natürlich fällt Ihnen auf den Kopf, dass die ÖVP-Vorgängerregierung so ein schlechtes Budget hinterlassen hat. Davor stand die ÖVP für Haushaltsdisziplin.Wir haben ja nicht das Geld beim Fenster hinausgeschmissen, sondern es den Menschen gegeben, wie uns auch von Experten geraten wurde, um die Kaufkraft zu erhalten, Konkurse und Massenarbeitslosigkeit zu verhindern. Und mittlerweile liegen wir bei der Inflation unter dem EU-Schnitt. Das fällt nicht vom Himmel. Dafür haben wir in der Regierung vieles getan: von der Mehrwertsteuersenkung bis zur Spritpreisbremse.Es gibt dennoch eine Erosion der politischen Mitte. Die ÖVP könnte verschwinden wie einst die italienische Democrazia Cristiana.Eine Garantie, dass so etwas nie eintreten kann, gibt es nicht. Ich werde alles für eine möglichst starke Volkspartei tun. Außerdem sehen wir, dass auch Rechtspopulisten Wahlen verlieren – siehe Ungarn.Sie haben bei Ihrer Sommertour gesagt, Kinderbetreuung nicht als klassische Arbeit zu sehen und sich entschuldigt. Legen Sie seither Ihre Worte mehr auf die Goldwaage?Mir ist ein Satz passiert, der falsch war. Natürlich ist Kinderbetreuung Arbeit: anstrengend, aufwendig, aber auch sehr schön. Was ich sagen wollte, und das ist von vielen auch so verstanden worden: dass ich es nicht als entgeltliche Erwerbsarbeit sehe, weil viel von dem Engagement, das uns zusammenhält – in der Familie und darüber hinaus – lebt davon, dass nicht alles bezahlt wird.Was hat Sie berührt in den vergangenen eineinhalb Jahren – privat und beruflich?Privat die Geburt meiner Enkeltochter. Beruflich tief berührt und erschüttert hat mich der Amoklauf an der Schule in Graz. Ich konnte nicht glauben, dass so etwas in Österreich passiert.Haben Sie noch Zeit, Ihre Vespa zu fahren?Im Moment putze ich sie mehr, als ich damit fahre, was ich aber gerne würde. Allerdings wird es jetzt eh kühler und ich bin eher ein Schönwetterfahrer.Und auf den Rücken müssen Sie wohl auch aufpassen.Ich soll Übungen machen. Wenn sich durch langes Sitzen oder durch lange Flüge wieder ein Schmerz meldet, erinnere ich mich daran.Würden Sie rückblickend etwas anders machen?Ich würde im Regierungsprogramm die gemeinsame Erzählung niederschreiben und erklären, wo wir mit den vereinbarten Maßnahmen hin wollen. Das haben wir damals vielleicht nicht ausreichend getan, weil es nach den monatelangen Regierungsverhandlungen schnell gehen musste.