KURIER: Warum halten Sie am 19. November in der Österreichischen Nationalbibliothek eine Rede über Künstliche Intelligenz?Alexander Pröll: Bundeskanzler Christian Stocker hat mir den Auftrag gegeben, die KI-Strategie zu überarbeiten, weil die alte Strategie aus dem Jahr 2021 stammt. Damals gab es beispielsweise noch kein ChatGPT. Für uns als Bundesregierung ist es wichtig, dass sich Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Medien mit dem Thema KI in ihrer Breite auseinandersetzen. Wir gehen davon aus, dass die KI die größte Veränderung und Disruption unserer Zeit ist. Größer als die Erfindung des Internets oder des Autos. Manche sagen sogar größer als die Erfindung der Elektrizität. Das bedeutet, KI betrifft uns alle. Die Rede am 19. soll ein Auftakt sein, wohin die Reise gemeinsam geht. Sie sind damit betraut, eine KI-Strategie bis 2030 zu erarbeiten. Wie soll das funktionieren, wenn die Entwicklungen so rasant sind, dass selbst große Player von einem Quartal zum anderen über den Fortschritt überrascht sind?Das ist tatsächlich ein zentraler Punkt. Es ist eine adaptive Strategie, in der wir ein paar Grundpfeiler definieren werden. Es gibt drei große Themenbereiche oder Fragen, anhand derer wir uns orientieren werden. Das erste ist: Wie bleiben wir handlungsfähig? Als Staat mit seiner kritischen Infrastruktur, aber auch als Gesellschaft und der Wirtschaft. Das Zweite ist: Wie schaut unser Wohlstandsmodell der Zukunft aus? Auf was sollten wir in der Wirtschaft setzen? Und eine gleichrangige, wenn nicht vielleicht auch die wichtigste Frage: Wie bleiben wir menschlich?Wie halten Sie sich am letzten Stand der Entwicklungen?Ich habe einen intensiven Austausch mit unterschiedlichen Experten im In- und Ausland. Ich fokussiere mich sehr stark auf die Wissenschaft. Das ist vor allem der Kontakt mit dem KI-Beirat, mit Horst Bischof und Jens Schneider.War Ihnen bei Amtsantritt als Digitalisierungsstaatssekretär bewusst, dass die KI einen derartigen Stellenwert einnehmen wird?Nein. Vor eineinhalb Jahren war die Dimension nicht absehbar. Warum? Weil wir einen exponentiellen Anstieg an Innovation und Entwicklung sehen. Was heute entwickelt wird, das kann übermorgen schon wieder out of date sein. Wir sprechen im Ressort fast ausschließlich nur noch über KI und das Thema Digitalisierung rückt immer mehr in den Hintergrund. Viele Menschen machen sich Sorgen wegen der KI oder haben Angst vor ihr. Woran wird der Bürger Ihren Fokus auf KI merken? An der ID Austria?Die Technologie der KI ist gekommen, um zu bleiben. Es ist also nicht die Frage, ob wir die KI verbieten oder nicht, denn sie ist alternativlos. Man kann darüber diskutieren, ob die Tech-Unternehmen unter- oder überbewertet sind, aber das ist irrelevant, weil die Technologie in jedem Fall bleiben wird. Für die Politik bedeutet das, dass wir nicht einfach sagen können: „Macht Euch keine Sorgen“. Deshalb müssen wir darauf achten, eine Gesamtverantwortung für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz zu schaffen. Das eine ist, dass Anthropic an die Börse geht, das andere, dass Microsoft gerade weltweit 60.000 Jobs streicht, weil die Technologie sie obsolet macht. Wie viele Arbeitsplätze werden in der Verwaltung ersetzt werden?Jeder zweite Verwaltungsbedienstete wird nicht nachbesetzt werden durch die natürliche Pensionierungswelle, die durch die Babyboomer-Generation entsteht. In den nächsten 13 Jahren gehen 44 Prozent der öffentlichen Bediensteten in Pension. Dieses Delta der Nicht-Nachbesetzungen werden wir durch KI und Digitalisierung ausgleichen. Lässt sich das beziffern?Wir sparen durch diese Nicht-Nachbesetzungen in den nächsten drei Jahren knapp eine halbe Milliarde Euro. Von den rund 520 Millionen Euro werden 20 Prozent für KI-Projekte zweckgewidmet. Das heißt: Der Umbau des Staates hat schon begonnen. Polizei, Militär und Lehrerkräfte sind von diesen Nicht-Nachbesetzungen jetzt mal prinzipiell ausgenommen.Was wird die KI nie ersetzen können?Das kann man aus meiner Sicht zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.Die Menschen werden immer älter. 20 Prozent der Bevölkerung sind über 65 Jahre alt. Wie sorgt der Staat dafür, dass die analog Sozialisierten nicht ins Hintertreffen gelangen, ihren Meldezettel, wenn sie denn wollen, noch immer haptisch am Amt bekommen?Bestehende Bürokratie kann durch künstliche Intelligenz bereits jetzt besser gemanaged werden. Meine Großmutter ist 85 Jahre alt und tut sich mit der Digitalisierung furchtbar schwer. Durch den Einsatz von KI werden Dinge aber auch vereinfacht werden und manche Wege auch überflüssig machen. Nichtsdestotrotz wird es immer eine Gruppe geben, die sich dem entsagt, es nicht will oder kann. Für diese Gruppe wird man den analogen Weg offen halten. Können Sie den Kipppunkt an einem praktischen Beispiel festmachen?Wir sehen an den Smart Glasses, der nächsten Ebene nach den iPhones. Heute tragen die Menschen ihre Smartphones mit sich herum, der nächste logische Schritt werden die Smart Glasses sein. Der eine Aspekt ist der technologische Fortschritt und die Innovation, die von ihr ausgeht, wie für sehbehinderte Menschen, für die Übersetzungen von Speisekarten oder für die Industrie. Gleichzeitig betreffen die Brillen die gesamte Gesellschaft und alle Räume und Orte, in denen sich Menschen begegnen.Sie meinen in Schulen, wie jüngst ein Fall klar gemacht hat, in dem ein Schüler mit Smart Glasses in der Klasse mitgefilmt hat und trotz Kritik von Lehrern wie Schülern vor Gericht Recht bekommen hat, es zu dürfen?Das eben ist die andere Seite, denn wir wollen nicht, dass es Menschen möglich ist, andere heimlich zu filmen. Gemeinsam mit dem Verfassungsdienst haben wir ein 3-Stufen-Modell entwickelt, das wir mit allen Parteien diskutieren wollen, um einen Umgang mit Smart Glasses zu finden, noch ehe sie flächendeckend zum Einsatz kommen. Es geht um besonders sensible Bereiche wie Kindergärten, Spielplätze, Umkleidekabinen, öffentliche Bäder, Schulen. Der zweite Bereich betrifft Kunst, Kultur, Museen und Kinos, weil der Schutz des Urheberrechtes gewahrt werden muss. Der dritte Bereich ist der öffentliche Raum, wo man als Dritter zumindest erkennen können sollte, wenn man aufgenommen wird.Wie wollen Sie das exekutieren?Das ist der nachgelagerte Schritt. Der erste ist die gesellschaftliche Wertung. Es geht darum, dass jemand zumindest auf den ersten Blick erkennen können sollte, wenn er aufgenommen wird. Bei einer Video-Aufnahme mit Smart Glasses muss das Aufnahme-Licht leuchten. Ich will nicht, dass man in der Privatsphäre oder in der Öffentlichkeit das Gefühl haben muss: Werde ich aufgenommen? Das Menschlich-Sein muss auch mit der Technik erhalten bleiben. Mein Anliegen ist es, dass die gesamte Politik – damit meine ich die Klubobleute Leonore Gewessler wie Herbert Kickl – sich zu dieser technischen Entwicklung eine Meinung bilden. Dass wir auf parlamentarischer Ebene darüber diskutieren, was wollen wir und was wollen wir nicht. Unideologisch und rechtzeitig. Im Rahmen einer parlamentarischen Enquete könnten wir uns alle dieses Themas annehmen, denn wir werden uns damit auseinandersetzen müssen.Womit Sie sich auch auseinandersetzen müssen, das ist der Umgang mit Social Media. Das Verbot von Social-Media-Angeboten für Jugendliche kommt oder nicht?Das wird am Donnerstag von der EU-Kommission entschieden werden. Wir gehen davon aus, dass die Frist verlängert wird, was nicht gut ist. Wir sind schon wieder in der Situation, dass auf europäischer Ebene eine Entwicklung verschlafen wurde. Hätte die EU vor eineinhalb Jahren gesagt, wir wollen ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche im Alter von 15, 16 oder 12, dann hätten sich wahrscheinlich alle Mitgliedsstaaten angeschlossen. Die EU hat ewig nichts gesagt und jetzt macht jeder Staat seine eigene Regel, um seine Kinder zu schützen. Was ich gar nicht wertschätzen würde, das wäre, wenn wir die nächsten drei Jahre darüber reden, wie wir es machen können. Denn die Kinder und Jugendlichen brauchen jetzt dringend einen Schutz.