Schon die erste Meldung, die am Mittwochvormittag um kurz nach 9 Uhr in den spanischen Medien aufpoppte, verhieß nichts Gutes. „Es könnte noch schlimmer sein als Adamuz“, warnte eine Quelle aus Regierungskreisen in Madrid darin. Adamuz, das ist der Name eines kleinen Ortes in Andalusien, der in Spanien dunkle Erinnerungen weckt.Im Jänner war dort ein Hochgeschwindigkeitszug des privaten Betreibers Iryo entgleist und mit einem entgegenkommenden Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe kollidiert. 46 Menschen starben dabei, mehr als 150 wurden verletzt. Es war eines der schwersten Eisenbahnunglücke in der Geschichte des Landes.Nun, gut neun Monate später, hat sich in Spanien erneut ein verheerendes Zugsunglück ereignet: Nahe Urda in der Provinz Toledo stießen am Mittwoch um kurz vor 9 Uhr zwei Hochgeschwindigkeitszüge zusammen. Nachdem zunächst von zehn und später von 30 Todesopfern die Rede war, sollte sich die Befürchtung bewahrheiten: Es kam noch schlimmer als in Adamuz.Nach vorläufigen Angaben der Regionalregierung von Kastilien-La Mancha kamen mindestens 68 Personen ums Leben. 58 weitere wurden ins Krankenhaus gebracht, 15 davon sind in kritischem Zustand.Was ist passiert?Die genauen Hintergründe sind noch offen. Fest steht, dass der Iryo-Zug, in dem 147 Passagiere von Madrid nach Sevilla reisten, 120 Kilometer südlich der Hauptstadt auf offener Strecke zum Stehen gekommen war. Der nachfolgende AVE-Zug der Renfe mit 397 Menschen an Bord fuhr auf ihn auf.Zuvor war es zu einer Störung des LZB-Sicherheitssystems gekommen, das den Hochgeschwindigkeitsverkehr steuert. Alle Züge im betroffenen Streckenabschnitt mussten deswegen stoppen. Dann kam es, so berichtet es die Zeitung El País, zu „doppeltem menschlichen Versagen“.Denn: Wenn das automatisierte Sicherheitssystem ausfällt, wird auf manuellen Betrieb umgestellt. Und ein Fahrdienstleiter des Bahnnetzbetreibers Adif wies offenbar alle Züge an, die Fahrt fortzusetzen, also auch den Renfe-Zug, obwohl der Iryo-Zug 25 Kilometer vor ihm auf den Gleisen stand – und aus ungeklärten Gründen nicht anfahren konnte. Dazu kommt, dass der Fahrdienstleiter offenbar grünes Licht gab, die Fahrt mit normaler Geschwindigkeit fortzusetzen, obwohl in solchen Situationen die Abfahrt „auf Sicht“ vorgeschrieben ist. Während der gesamten Zeit, die der Renfe-Zug für die 25 Kilometer bis zum Iryo brauchte, gab er keine Anweisung anzuhalten.Gewaltiger AufprallWie schnell der Zug letztlich unterwegs war, ist noch nicht bekannt. Auf diesem Streckenabschnitt sind aber Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h erlaubt. Die Wucht des Aufpralls war dann so stark, dass zwei Waggons entgleisten und einen Abhang hinunterstürzten. Die Einsatzkräfte mussten sich durch die Trümmer kämpfen, um Verletzte und Tote zu erreichen.Passagiere berichten von dramatischen Szenen: „Nachdem wir Atocha (den Bahnhof in Madrid, Anm.) verlassen haben, stand der Zug einige Minuten lang still. Uns wurde gesagt, es gäbe Störungen auf der Strecke“, schildert die 60-jährige Ana María El País. „Dann fuhr er los, und innerhalb von ein paar Minuten passierte alles (...) Ich wurde zu den Koffern geschleudert. Alles ist mir auf den Kopf gefallen.“ Ihr Mann erlitt eine Kopfverletzung.„Es war ein furchtbarer Zusammenstoß. Der Waggon ist teilweise umgekippt. Wir haben daneben völlig zerstörte Waggons gesehen“, sagt Miguel Ángel Pérez, der im letzten Renfe-Waggon saß, im Fernsehen.Nach dem Unfall wurde der Zugverkehr auf der Strecke zwischen Madrid und Andalusien eingestellt. Mehr als 100 Züge waren betroffen.Viele offene FragenIn ganz Spanien und darüber hinaus sorgte die Katastrophe für Entsetzen und viele offene Fragen. Ministerpräsident Pedro Sánchez, der am Nachmittag am Unfallort eintraf, rief eine dreitägige Staatstrauer aus und versprach, „der Sache auf den Grund zu gehen“. Für ein Land wie Spanien sei es „nicht hinnehmbar, in einem einzigen Jahr zwei Hochgeschwindigkeits-Zugsunglücke zu erleiden“.Für ihn und seine sozialistische Partei kommt die Tragödie zur Unzeit. Am 29. November finden von ihm ausgerufene Parlamentswahlen statt. Das Vertrauen in seinen Verkehrsminister Óscar Puente, der ein enger Vertrauter ist, dürfte nach Urda und Adamuz weiter gesunken sein. In einer Stellungnahme sprach Puente von einem „unerklärlichen“ Vorgang und zeigte sich „zutiefst erschüttert“. Einen Rücktritt schloss er aber aus.Alle Parteien - mit Ausnahme von Vox - haben ihre Wahlkampftermine vorübergehend ausgesetzt. Die Rechtsaußen-Partei holte noch am Mittwoch zu Anschuldigungen gegen die Regierung aus. Auch die konservative Volkspartei (PP) ging rasch auf Konfrontation. „Es reicht!“, wurde in sozialen Medien gepostet.