Jenny lacht viel, auch wenn ihr zum Weinen zumute ist. „Das ist meine Überlebensversicherung“, sagt die 37-Jährige, sie lächelt schon wieder.Jenny ist eine Texanerin wie aus dem Buche, sie trägt Cowboystiefel und spricht ein langsames Südstaaten-Englisch, zieht das „a“ in „dad“ lang, wenn sie vom Vater ihrer vier Kinder spricht. Der, sagt sie, sei vor ein paar Jahren abgehauen, und seither hapere es auch mit dem Geld. „Für mein neues Auto musste ich zwei Jahre sparen“, sagt Jenny vor dem JFK-Memorial in Dallas, wo sie als Fremdenführerin arbeitet. „Zur Arbeit hab’ ich mit dem Bus zwei Stunden gebraucht.“ Jetzt, mit dem neuen Auto, seien es nur 20 Minuten, Grund zum Feiern sei das aber keiner: „Party machen geht sich nicht aus. Ich hab’ noch zwei Kreditkartenrechnungen offen.“Leben als HypothekWer in den USA überleben will, ist oft auf die Gnade der Banken angewiesen. Konsumentenkredite sind deutlich verbreiteter als in Europa, oft wird das Minus von Monat zu Monat rausgeschoben, Jenny überträgt ihre Schulden manchmal auch mal von Karte zu Karte, „wenn es ganz eng wird“, sagt sie. Jetzt, da die Preise in den USA seit Langem steigen, wird dieser Lebensstil für viele zum Problem: Ein Drittel der Amerikaner kann seine Rechnungen nicht mehr voll begleichen, hat eine Umfrage des Pew Research Centers jetzt ergeben.Besonders stark betroffen seien „Frauen, Schwarze, Latinos und Menschen ohne College-Abschluss“, heißt es in der Studie. Sie arbeiten besonders oft in Niedriglohn-Berufen, sind dazu meist nicht vom Arbeitgeber krankenversichert – das ist gesetzlich nicht vorgeschrieben, und das republikanische Texas sichert seine erwachsenen Einwohner anders als andere Bundesstaaten auch nicht per Medicaid ab, der bundesweiten Versicherung.Viele Menschen sparen sich darum die paar hundert Dollar monatlich für die private Versicherung, in Texas ist jeder sechste ohne Absicherung, der Bundesstaat hat die meisten unversicherten Kinder. Eine Krankenhausrechnung kann einen in den Ruin treiben: „Ein Schicksalsschlag, und du rutscht ab“, sagt Jenny, in ihrem Umfeld habe sie das allzu oft erlebt. Sozialhilfe wie in Österreich existiert nicht, Lebensmittelhilfe gibt es in Texas nur per Gutscheinkarte, und die Mittel dafür hat Trump zuletzt massiv gekürzt. Darum landen auch viele, die eine Arbeit haben, auf der Straße: Bundesweit hat ein Viertel aller Obdachlosen in Notunterkünften einen regulären Job.Vorteil für DemokratenIm Midterms-Wahlkampf sind die Lebenskosten darum das Thema Nummer eins, vor allem für die Demokraten. James Talarico, der laut Umfragen gut Chancen hat, am 3. November den Republikanern den Senatssitz abzujagen, hat die Preiskrise zu seinem persönlichen Thema gemacht: Bei Veranstaltungen erzählt er gern von seiner Diabetes-Diagnose vor etwa zehn Jahren, die ihm eine „600-Dollar-Rechnung bescherte, die ich nur auf Pump zahlen konnte.“ Damals sei er, Kind einer alleinerziehenden Mutter, Lehrer gewesen – sein Gehalt habe für seine Krankheit nicht gereicht.Zielscheibe der Demokraten in Texas sind vor allem die Milliardäre, die in den letzten Jahren auch dank staatlicher Subventionen nach Texas gezogen sind. Weil Kalifornien eine einmalige Fünf-Prozent-Abgabe für Milliardäre plant, wohnt Uber-Mitbegründer Travis Kalanick seit dem Vorjahr in Austin, auch Elon Musk hat seinen Wohnsitz und große Teile seines Imperiums hierher verlegt. In Texas zahlen Privatpersonen keine Einkommenssteuern, auch Unternehmenssteuern werden nicht eingehoben.Feindbild RobotaxiSinnbild dieser Ungleichverteilung sind die vielen Robotaxis von Uber und Musk, die seit Kurzem durch die texanischen Großstädte fahren. Sie fahren autonom, „sie stehlen den Uber-Fahrern ihre Jobs“, sagt Jenny und deutet auf ein goldenes Musk-Taxi, das gerade die Dealey-Plaza entlangfährt. Gut eine Million Amerikaner lebt davon, andere im eigenen Auto zu chauffieren – sie könnte nun das gleiche Schicksal treffen wie die Taxifahrer, die Uber zuvor an den Rand gedrängt hat.Jenny hat ihr Kreuz darum bei den Demokraten gemacht, „ich war bereits beim Early Voting“, sagt sie lächelnd. Den republikanischen Senatskandidaten Ken Paxton hätte sie schon aus persönlichen Gründen nicht wählen können, sagt sie noch dazu: Paxton ist derzeit Generalstaatsanwalt in Texas, seine Behörde müsste die Alimente bei ihrem Ex-Mann einheben. „Das Ansuchen liegt dort seit zwei Jahren – doch Antwort habe ich noch nie bekommen.“